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N A. B Thesen zum christlichen Kalender und zur Berechnung des Osterdatums
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Auf den Seiten "Das Datum des Osterfestes", "Der lunisolare christliche Kalender" und "Das Kunstwerk des Lilius" (zu weiteren Artikeln über das Osterfest und den Abendländischen Kalender siehe das Inhaltsverzeichnis) werden Fragen des christlichen Kalenders und der Osterrechnung aus chronologischer Sicht dargestellt. Diese Darstellung entspricht manchmal nicht dem Althergebrachtem. Um die genannten Abhandlungen nicht mit Fussnoten oder Einschüben zu überfrachten, dennoch aber einige Stellen, die vielleicht Missfallen erregen könnten, näher begründen und belegen zu können, wurden die folgenden "Thesen" aufgestellt.

in Bearbeitung


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Die Beschlüsse des Konzils von Nikäa

Auf dem Konzil von Nikäa im Jahre 325 war auch die Frage des Osterfestes ein wichtiger Punkt. Genaue Überlieferungen, was in diesem Punkt vom Konzil beschlossen wurde, finden sich nicht. Am ausführlichsten ist hier noch die Darstellung des Eusebius[ 1 ].

Alle späteren kirchlichen Regeln und Verlautbarungen bezüglich des Osterfestes geben jedoch vor, sich jedoch ausdrücklich auf dieses Konzil zu berufen. Daher ist es weniger wichtig, wie der genaue Wortlaut der Beschlüsse gewesen sein mag, von Bedeutung ist nur, was später von den Christen übereinstimmend dem Konzil zugeschrieben wurde. Demzufolge gelten für das Osterdatum folgende Regeln:

1.: Ostern ist der Sonntag, der unmittelbar auf Luna XIV des ersten Monats folgt.
2.: Derjenige Monat ist der erste Monat, dessen Luna XIV auf den Tag des Frühlingsäquinoktium fällt oder ihm als erste nachfolgt.
3.: Daraus folgt, dass Ostern in der Zeit von Luna XV bis Luna XXI einschliesslich liegen muss.
4.: Der Tag des Frühlingsäquinoktium ist der 21. März.

Diese Interpretation der Konzilsbeschlüsse war jedenfalls der Ausgangspunkt der Reform von 1582. Dass diese Vorgaben nicht alle bis auf 325 zurückgeführt werden können, geht schon daraus hervor, dass lange ein Ostern an Luna XV für die Westkirche nicht annehmbar war. Erst die Tafeln des Dionysius Exiguus konnten diesen Termin durchsetzen.

Wichtige Daten für den Termin des Osterfestes sind demzufolge der 21. März als der Tag des Äquinoktium sowie Luna XIV, der 14. Tag eines Mondmonats. Von einem Vollmond ist nicht die Rede, aus der ganzen frühen Diskussion ergibt sich auch, dass nie an eine astronomische Berechnung gedacht war. Dennoch ist die Formulierung, Ostern sei am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond zu feiern, nicht so laienhaft, wie manchmal behauptet wird. Denn der Mondkalender ist so einzurichten, dass Ostern auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling fällt. Schon im Osterkanon des Anatolius, noch vor dem Konzil verfasst, heisst es, die Sonne müsse im Zeichen der Frühlings-Tagundnachtgleiche stehen, der Mond aber notwendigerweise im Zeichen der Herbst-Tagundnachtgleiche[ 2 ]. Fast die gleiche Formulierung benutzt später Beda. Zudem spricht er auch direkt vom Ostervollmond: "quia nimirum lunae paschalis plenitudo non aequinoctium praeire"[ 3 ] Es ist daher sicher erlaubt, anstelle von Luna XIV paschalis einfach nur von (zyklischen) Ostervollmond oder Frühlingsvollmond zu reden, genauso wie es erlaubt sein muss, im Zusammenhang mit der Osterberechnung vom 14. Nisan zu reden (wie auf diesen Seiten geschehen), nachdem sich dieser Ausdruck selbst in der jüngsten Fassung des Katechismus der Katholischen Kirche findet.


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Luna XIV ist der Tag des zyklischen Vollmondes

Daraus folgt:

Wenn Luna XIV der Tag des Vollmondes ist, so muss der Tag des Neumondes, der "coniunctio solis ac lunae", ein bis zwei Tag vor luna I liegen, luna I selbst ist der Tag des zyklischen Neulichts.

Diese Aussage ist durchaus nicht unumstritten. Eine Reihe von Ungereimtheiten in den Darstellungen des christlichen Kalenders lassen sich auch darauf zurückführen, dass Luna I gleich astronomischer Neumond gesetzt wird, weshalb dann der Tag des Vollmondes auf luna XVI, gegen luna XV tendierend gelegt werden muss.

Bei der Osterberechnung ist der Ausgangspunkt aller Zyklen Luna XIV des ersten Monats, der Mondkalender orientiert sich also an Luna XIV, nicht an Luna I. In der gesamten wissenschaftlichen (und auch populärwissenschaftlichen) Darstellung des Kalenders wird luna XIV immer mit dem Vollmondtag, luna XIV paschalis immer mit dem "Frühlingsvollmond" gleichgesetzt, so zum Beispiel auch bei Grotefend oder bei Ginzel. Einige wenige dafür aber umso bedeutendere Ausnahmen finden sich jedoch, so bei Ginzel manchmal dann, wenn er auf Exiguus oder Beda zurückgreift[ 4 ].

Die Kalenderüberlieferungen der Kirche sind vom Todestermin Jesu her bestimmt[ 5 ]. Ob nach den Synoptikern nicht doch der 15. Nisan als Tag der Kreuzigung anzunehmen sei, oder ob auch wenn der 14. Nisan als Sterbetag Jesu angenommen wird, Ostern frühestens auf Luna XVI fallen dürfe, da ja dann der 16. Nisan der Tag der Auferstehung war, sind Fragen der Theologie und nicht der Chronologie.

Eine der ersten Ostertafeln stammt von dem bereits erwähnten Anatolius, Bischof von Laodicea, gestorben nach 282, der als bedeutender Naturwissenschaftler und Mathematiker gefeiert wurde. Er wird auch als Begründer des alexandrinischen Osterzyklus angesehen. Eusebius zitiert die Einleitung zu diesen Tafeln ausführlich in seiner Kirchengeschichte. Demzufolge hat Anatolius "im 1. Jahr den Neumond des ersten Monats, der der Anfang des ganzen neunzehnjährigen Zyklus ist, nach den Ägyptern auf den 26. Phamenoth, nach den Monaten der Mazedonier aber am 22. Dystros, wie die Römer sagen würden, elf Tage vor den Kalenden des Aprils" gelegt[ 6 ]. Dies entspricht recht genau dem Neumondtag. Weiter heisst es, da der Ostertag auf den 14. des Monats gegen Abend angesetzt ist, so wird der Mond die Stelle einnehmen, die der Sonne diametral gegenübersteht, wie man das bei den Vollmonden sehen kann. Im Übrigen beruft sich Anatolius bei seinen Ausführungen immer wieder auf den jüdischen Kalender. Auffallend ist nun die Stelle, in der Anatolius sagt, an diesem 22. März "erscheint die Sonne nicht nur in das erste Zeichen des Tierkreises eingetreten sondern bereits den vierten Tag ihre Bahn darin zurücklegend"[ 7 ]. Hieraus musste man schliessen, Anatolius habe das Äquinoktium auf den 19. März gesetzt. Neuere Forschungen stellen jedoch klar, dass damit der vierte Schöpfungstag nach Genesis 1, 14 gemeint sein muss, an dem Sonne und Mond erschaffen wurden und der als der Tag des Äquinoktium zu betrachten ist. Demzufolge legte Anatolius das Äquinoktium auf den 22. März, also einen Tag später als es in der damaligen Zeit den astronomischen Verhältnissen entsprochen hätte, den Tag des Vollmondes hingegen ungefähr zwei bis drei Tage später als erforderlich[ 8 ].

Der endgültige alexandrinische Osterzyklus verbesserte den Zyklus des Anatolius dahingehend, dass einerseits das Äquinkotium um einen Tag vorverlegt wurde auf den 21. März, Luna XIV im ersten Zyklusjahr andererseits auf den 5. April verschoben wurde, was beides den astronomischen Verhältnissen besser entsprach. So heisst es bereits in dem Prolog der Ostertafeln des Theophilos, Bischof von Alexandria 385 - 412, das Äquinoktium falle auf den 21. März, immer sei der Vollmond, der nach dem Äquinoktium eintritt, als Ostervollmond anzusehen; falls dieser Vollmond auf einen Sonntag trifft, sei Ostern um eine Woche zu verschieben[ 9 ].

Der Bischof von Rom legte lange Zeit der Osterberechung verschieden Ostertafeln zugrunde, die wegen zahlreicher Sprünge chronologisch oft recht unbefriedigend waren. Auch sie setzen jedoch den Tag des zyklischen Vollmondes immer auf Luna XIV. Allerdings lehnt der Westen ein Ostern an Luna XV ab, da dies der Tag des jüdischen Passah sei. So schreibt Victorius in der Vorrede zu seinen Ostertafeln, wenn der Vollmond (plenilunium)auf einen Samstag fällt so müsse man Ostern von dem folgenden Sonntag mit Luna XIV verschieben auf Sonntag Luna XXII.[ 10 ]

Erst die Ostertafeln des Dionysius Exiguus verschafften der klaren Rechnung der Alexandriner auch im Westen Geltung. Nun gibt es bei Ginzel im Kapitel über Mondzyklus und Epakten eine Stelle, die missverständlich ist: "Dionysius Exiguus sowohl wie Beda verstehen unter dem Anfang des Mondjahres nur den Paschamonat. Ersterer nimmt als ersten Jahrestag luna XV paschalis (Vollmond) des Ostermonats, Beda hingegen Luna I (Neumond, novilunium) als Anfang"..[ 11 ] Im Kapitel "Die Ostertafeln der alexandrinischen und römischen Kirche" stellt Ginzel auch die Ostertafel des Dionysius vor. In einer Fussnote zitiert er aus dem Vorwort des Liber de Paschate. "Tanta hac auctoritate divina claruit, primo mense decimo quarto die ad vesperam usque ad vigesimum primum festivitatem paschalem debere celebrari."[ 12 ]. Auch dieses Zitat ist missverständlich, bezieht es sich doch auf zuvor angeführte Stellen aus dem Alten Testament und somit auf das jüdische Passahfest. Erst im Anschluss an diesen Satz erläutert Dionysius die Grundlagen der Osterberechnung und führt aus, als erster Monat sei jener anzusehen, dessen Beginn in dem Zeitraum vom 8. März bis zum 5. April. falle, so dass dessen Luna XIV in die Zeit vom 21. März bis zum 18. April zu liegen komme. Ferner stellt er fest, dass der Tag des Äquinoktium der 21. März sei. Dann fährt er fort: "Selbst wenn nun Luna XIV auf einen Samstag fällt und, was in den folgenden 95 Jahren nur einmal eintreten wird, der folgende Sonntag, Luna XV, der 22. März ist, so ist Ostern an eben diesem Tag zu feiern. Auch hat die Heilige Synode unzweifelhaft bekräftigt, dass vor dem 21. März keine Luna XIV paschalis zu suchen ist, da diese nicht dem ersten Monat sondern dem letzten zugehörig ist."[ 13 ]. Weder hier noch sonstwo in dem Liber de Paschate oder in der Epistola de Ratione Paschae an die päpstlichen Kanzleibeamten Bonifatius und Bonus findet sich das Wort Vollmond (plenilunium) oder Neumond / Neulicht (novilunium). Aus alldem folgt: auch Dionysius geht bei seinen Berechnungen von Luna XIV aus und versteht darunter den Tag des zyklischen Vollmondes. Es ist kein Hinweis zu finden, das Dionysius bezüglich der Lage des zyklischen Vollmondes von der früheren Ansicht und von dem, was er als Beschluss des Konzils von Nikäa verstand, abgewichen ist[ 14 ].

Der grosse Kirchenführer Beda verschaffte später der Osterberechnung des Dionysius allgemeine Anerkennung. Ihm fiel auf, dass die Bewegungen von Sonne und Mond sich von den zyklischen Daten entfernt hatten, erklären konnte er dies nicht. Besonders deutlich wurde dies im letzten Jahr eines Zyklus. So fiel im Jahr 721 Luna I auf Freitag den 4. April, Neumond (coniunctio) war am Dienstag dem 1. April gegen 15.30 Uhr nachmittag. Beda versuchte diese Differenzen mit einer Berufung auf das Konzil von Nikäa und auf das Wunder der Füllung der Taufbecken zu erklären[ 15 ].

Im folgenden soll die Verschiebung der Vollmonde und Neumonde im Kalender noch einmal verdeutlicht werden. Genauere Daten kann man leicht mit Hilfe des Astronomischen Osterrechners selbst ermitteln. Als nach dem Konzil von Nikäa alexandrinische Wissenschaftler den Kalender einrichteten, legten sie das Äquinoktium auf den 21. März, was den astronomischen Verhältnissen genau entsprach, weniger genau waren sie jedoch bei der Festlegung des Mondmonate. Die folgende Tabelle zeigt, wie oft der Vollmond innerhalb eines Zyklus von 19 Jahren auf Luna 14,15 oder 16 des Ostermonats fiel, desgleichen wie oft Neumond auf Luna 30 (d.h. ein Tag vor Luna 1), auf Luna 29 (2 Tage vor Luna 1) u.s.w. fiel. (Tagesbeginn um Mitternacht UT):

                               Vollmond bei                        Neumond bei
                       Luna 13  Luna 14  Luna 15  Luna 16    Luna 28  Luna 29  Luna 30  Luna 1 Luna 2
    Jahre 323 bis 341               1        10       8                   1        8       9      1
          342 bis 360               1        14       5                   1       10       8
          361 bis 379               1        15       3                   2        7      10
          532 bis 550               7        11       1                   3       16
          551 bis 569              11         7       1                   5       11       3
          703 bis 721      4       10         5                 2        14        3
          722 bis 740      2       14         3                 3        11        5

Wie man sieht lag in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts der astronomische Vollmond meist auf Luna XV, gegen Luna XVI tendierend. Zur Zeit von Dionysius Exiguus meist auf Luna XIV, allerdings noch gegen Luna XV tendierend, zur Zeit Bedas dann bereits auf Luna XIV. Der astronomische Neumond (coniunctio) lag anfangs gleichermassen auf Luna I wie auf dem letzten Tag des Vormonats, um sich dann immer mehr von Luna I zu entfernen.

Kirchliche Autorität und Unerfahrenheit in der Astronomie[ 16 ] verhinderten lange, dass diese Abweichungen erklärt werden konnten. Weder Exiguus Dionysius noch Beda konnten auf das Wissen eines Hipparch oder eines Ptolemäus, der ja noch um 150 nach Christus in Alexandria gelebt und gelehrt hatte, zurückgreifen. Es dauerte noch Jahrhunderte bis deren Erkenntnisse durch Vermittlung des islamischen Kulturkreises, ergänzt und angereichert durch Forschungsergebnisse muslimischer Astronomen und Naturwissenschaftler wie al-Baten, über die iberische Halbinsel in das christliche Abendland zurückkehrten. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass die ersten verlässlichen astronomischen Tafeln des christlichen Westens, die alfonsinischen Tafeln, die dann auch Lilius bei seinen Vorschlägen zur Reform des Kalenders herangezogen hat, Mitte des 13. Jahrhunderts in Kastilien entstanden.

Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften im Abendland begann dann eine verstärkte Auseinandersetzung mit den Fehlern in der Osterberechnung und mit der Frage, wie man den Kalender verbessern könne. Das um 1232 entstandene Traktat über den "Computus Ecclesiasticus" des Sacro Bosco ist offensichtlich das erste, das neben Beda auch auf Ptolemäus zurückgreift. Im gleichen Jahrhundert entsteht der "Computus major" des Johannes Campanus. Dieser beruft sich nun auch auf islamische Wissenschaftler und verweist auf die Genauigkeit des islamischen Kalender. Die Fehler der kirchlichen Osterberechnung weist er klar und präzise nach. Er schreibt: "Die Ostergrenze ist der Vollmondstag am oder zunächst nach dem aequinoctium vernum." ....."Da die Kirche beide Factoren unrichtig ansetzt, so begeht sie einen doppelten Fehler. 1. Die Kirche setzt Aequinoctium vernum auf den 21. März; da es jetzt auf den 14. fällt so solle der früheste terminus paschalis nicht auf den 21. sondern den 14. März gesetzt werden. Einem Vollmond am 14. entspricht ein Neumond am 1., dieser sollte also der früheste Frühlings-Neumond sein, nicht der 8. März, wie die Kirche ansetzt. Ostersonntag ist der Sonntag, der nach dem terminus paschalis fällt; da nun die Kirche an dem Tag Vollmond verzeichnet, an welchem der Mond bereits um zwei oder drei Tage abgenommen hat (was man deutlich an Finsternissen beobachten könne)"[ 17 ].

In der Folgezeit erschienen eine Reihe von Werken, die sich mit den Fehlern im Kalender und der Notwendigkeit einer Reform befassen. Sie können nicht alle hier aufgezählt werden. Nirgendwo ist jedoch erkennbar, dass von der Vorstellung, Luna XIV sei der Tag des zyklischen Vollmondes, abgewichen wird, auch wenn auffällt, dass immer häufiger auch bei den Berechnungen vom Tag der Konjunktion ausgegangen wird. Der berühmte Regiomontanus geht zwar ganz von der zyklischen Berechnung ab, spricht allerdings immer wieder ausdrücklich vom Vollmond und vom Äquinoktium als die den Kalender bestimmenden Daten[ 18 ].

Bereits zur direkten Vorgeschichte der gregorianischen Erneuerung des Kalenders gehört das äusserst umfangreiche Werk "Paulina" von Paul von Middelburg (1455 - 1534). Dieser setzte sich vehement für eine Reform des Kalenders ein und war auch persönlich auf dem Lateranischen Konzil 1514 anwesend. Seine Vorschläge waren revolutionär, lehnte er doch nahezu alle überbrachten Regeln des christlichen Kalenders ab[ 19 ]. Unter den Gutachten, die vom Lateranischen Konzil bezüglich der Reform des Kalender und konkret auch zu der Paulina angefordert wurden, befand sich auch eine umfangreiche Arbeit des Tübinger Mathematikers Johannes Stöffler (1482 - 1530). Er spricht sich für eine rein astronomische Berechnung des Osterdatums aus[ 20 ].

Der aus Bamberg stammende Jesuit Christopher Clavius veröffentlichte zwei Jahrzehnte nach der Einführung des gregorianischen Kalenders seine berühmte "Romani calendarii a Gregorio XIII pontifice maximo restituti explicatio"[ 21 ], in der er in Kapitel 1 auch ausführlich auf die Frage eingeht, auf welches Datum der zyklische Vollmond zu fallen habe. Er führt zuerst aus, dass bei den Hebräern jener Monat der erste gewesen sei, dessen luna XIV, gezählt vom Tag des Novilunium oder der Neomenia, entweder auf den Tag des Äquinoktium fällt oder ihm als erste folgt. Als zuverlässigsten Zeugen zitiert er Iosephus Iudaeus folgendermassen: "Im Monat Xanthicus, der bei uns Nisan genannt wird, und der der Anfang des Jahres ist, an Luna XIV, wenn die Sonne im Widder in Opposition steht...." (quartadecima luna, sole oppositio in Ariete...). Wenn nun Luna XIV der Tag der Opposition von Sonne und Mond ist, dieser Tag gezählt wird von Luna I, dem Tag des Novilunium ("numerato etiam ipso die novilunii"), so kann Luna I nicht der Tag der "coniunctio" sein, mit der Formulierung "die novilunii sive neomeniae" kann nur der Neulichttag gemeint sein. Clavius führt dann weiter aus, dass diese jüdische Kalendertradition von der Kirche übernommen wurde, "die wollte, dass das christliche Ostern, das ein Abbild und ein Schatten des Pascha der Hebräer ist," beweglich bleibe und nicht auf ein bestimmtes Datum fixiert werde. Genau wie bei den Hebräern sei das Äquinoctium und Luna XIV des ersten Monats zu beachten. Als Gewährsmann hierfür nennt er Augustinus.

Nach langen weiteren Ausführungen kommt Clavius dann auf die neueren Computisten zu sprechen, nämlich auf die bereits erwähnten Johannes Sacro Bosco, Johannes Stöffler, Johannes Campanus und Paul von Middelburg. Er schreibt nun, sie alle hätten als Tag der Opposition Luna XV betrachtet, lediglich Campanus habe als einziger Luna XIV als Tag des Vollmondes bezeichnet. Dies habe er deshalb getan, weil das Ende von Luna XIV, an dem die Juden das Opferlamm essen, bereits der Beginn von Luna XV sei, oder weil die zyklisch ermittelte Luna XIV häufig auf den Tag des Vollmondes fiel, "weil der Zyklus es erfordert, diejenige Luna als erste oder neue zu bezeichnen, die einen Tag nach dem astronomischen Neumond liegt (propterea quod cyclus debet lunam indicare primam, sive novam, uno die post novilunium caeleste). Es ist erstaunlich, dass Clavius als Kronzeugen für die Behauptung, Luna XV sei der Tag des Vollmondes, Männer heranzieht, die Vorschläge für eine Kalenderreform unterbreitet haben, die dann ausdrücklich abgelehnt worden waren, weil sie die alten kirchlichen Riten nicht beachteten und weil sie infolge der ihnen zugrunde liegenden astronomischen Berechnungen nicht eindeutig genug waren. Wichtig ist hierbei nur, dass selbst wenn man luna XV als Tag der Opposition betrachtet, der Tag der Konjunktion einen Tag vor Luna I liegen muss, wie die gerade zitierte Stelle zeigt. Clavius gibt als Zeitspanne zwischen dem mittlerem Neumond (coniunctio) und dem mittlerem Vollmond (oppositio) an: 14 Tage, 18 Stunden, 22 Minuten und circa 2 Sekunden. Tritt der astronomische Vollmond am Tag vor Luna I in der Zeit zwischen 0.00 Uhr und 24 Uhr ein, so wird Vollmond sein in der Zeit von Luna XIV 18.00 Uhr bis Luna XV, 18.00 Uhr. Da die Zeit nach 18 Uhr von Luna XIV bereits Luna XV zuzurechnen ist, liegt dann der Vollmond auf jedem Fall in Luna XV. Auch die Frage, auf welchen Zeitpunkt der Tagesbeginn zu setzen ist, spielt also eine Rolle. Hierüber später noch mehr.

Das Anliegen des Clavius an dieser Stelle ist aber, zu beweisen, dass Ostern ist immer zu feiern ist am ersten Sonntag nach Luna XIV, sogar wenn dieser Sonntag auf Luna XV selbst fällt. Diese Sätze richten sich gegen all diejenigen, die diese Tatsache leugnen, wie die Marginalie zeigt: "Pascha semper celebratum esse & celebrari debere Dominica prima post Lunam XIIIJ. etsiamsi ea Dominica in Lunam XV. incidat; contra quosdã, qui id negant."22 ] Konsens herrscht darüber, dass Luna XIV der Tag der Kreuzigung und Luna XVI der Tag der Auferstehung war. Die Frage, ob an Luna XV, also am Tag vor der Auferstehung, Ostern gefeiert werden kann, war lange Zeit stark umstritten. Wenn Clavius im Anschluss an ein längeres Zitat aus der Paulina von Middelburg nahezu triumphierend verkündet: " Wie kann man dies deutlicher sagen? Wenn er (Middelburg) die Opposition der beiden Gestirne, das Plenilunium, als Luna XV. benennt, so ist es klarer als das Licht der Sonne, er Luna XIV nicht als Plenilunium bezeichnet.", so bezieht sich dies allein auf die Frage, ob auch in diesem Falle Ostern an Luna XV. gefeiert werden darf.

Die von Clavius zitierten Aussagen der Computisten, die Luna XV als Tag des Vollmondes betrachten, stehen in eindeutigem Widerspruch zu der von Gregor verfügten Neuordnung des Kalenders. Zwar sah der ursprüngliche Vorschlag des Aloisius Lilius vor, den Mondkalender um vier Tage gegen den Sonnenkalender zu verschieben. Dies hätte zur Folge gehabt, dass der Tag des astronomischen Vollmondes in der Regel nur ein bis höchsten zwei Tage vor Luna I gewesen wäre, dafür aber der astronomischen Vollmond häufiger auch auf Luna XV gefallen wäre. Nach langen Überlegungen beschloss man jedoch eine Verschiebung um nur drei Tage. Die Neuordnung des Kalenders wurde durch die Bulle Inter gravissmas 1582 von Papst Gregor XIII. in Kraft gesetzt. In dieser Bulle wird mehrmals auf die Canones verwiesen, in denen die Einzelheiten des neuen Kalenders dargestellt werden und die daher als rechtskräftige Beilagen zur genannten Bulle angesehen werden müssen. In Canon II, überschrieben "de epactis et noviluniis", heisst es nun: "adeo ut propter celebrationem Paschae maior sit habita ratio XIV lunŠ, vel plenilunii, quam novilunii"[ 23 ]. Diese Aussage ist eindeutig. Sofern sie nicht von Clavius selbst stammt wurde sie doch mit seiner ausdrücklichen Zustimmung verfasst. Dies beweist: Auch der neue Kalender orientiert sich mehr an Luna XIV, dem Plenilunium. denn am Novilunium und Luna XIV ist der Tag des zyklischen Vollmondes. Wie genau die Anpassung an die astronomischen Verhältnisse gelang zeigt der Astronomische Osterrechner.

Ist aber Luna XIV der Tag des Vollmondes, so kann Luna I nicht der Tag des Neumondes im Sinne von "coniunctio" sein. Selbst wenn man von Luna XV als Vollmondtag ausgeht, fällt die Konjunktion auf den Tag vor Luna I, bei Luna XIV ein bis drei Tage vor Luna I. Aus diesem Grund wird bei den Abhandlungen zum Datum des Osterfestes und zum christlichen Kalender Novilunium mit Neulicht und nicht mit Neumond wiedergegeben.

Zusammenfassung: Die Behauptung, Luna XV sei der Tag des Plenilunium ist falsch. Der Tag des zyklischen Vollmondes ist Luna XIV. Hierin stimmen die römisch-katholische Kirche und die orientalischen Kirchen seit alters her überein, die Neuordnung des Kalenders durch Papst Gregor änderte daran nichts. Auch andere christliche Richtungen wie die Protestanten haben diese Auffassung uneingeschränkt übernommen.
Die Belegstellen für Luna XV als Tag des zyklischen Vollmondes bei Clavius können in diesem Zusammenhang nicht herangezogen werden, da es sich hierbei ausschliesslich um Zitate aus Werken handelt, die Vorschläge für eine Reform unterbreiten wollten, nicht aber die kirchliche Praxis beschreiben. Ebensowenig halten die oben zitierten Stellen bei Ginzel, die andeuten könnten, Dionysius Exiguus sei von Luna XV und nicht von Luna XIV als Plenilunium ausgegangen, einer Überprüfung durch die Quellen stand.


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Neumond - Novilunium

Der Begriff "Neumond" ist im Deutschen durchaus nicht eindeutig. Streng genommen ist darunter der Zeitpunkt zu verstehen, an dem Sonne und Mond in Konjunktion stehen, manchmal auch die zwei oder drei Tage, da der Mond am Himmel nicht gesehen werden kann. Nicht selten aber finden sich Wendungen wie "das Erscheinen des Neumondes" auch in wissenschaftlichen Arbeiten. Hier kann dann nur die erstmalige Sichtbarkeit der schmalen Mondsichel am Abendhimmel nach der mondlosen Zeit, dem "Schwarzmond", gemeint sein. Für letzteres wird auf diesen Seiten immer die Bezeichnung "Neulicht" benutzt.

Ähnlich verhält es sich mit dem lateinischen "Novilunium". Auch dieses Wort bezeichnet eigentlich den Augenblick des Erscheinens des Neuen Mondes am Abendhimmel, wird aber häufig auch für die "coniunctio solis ac lunae" verwendet. Lexika die eingehender auf diesen Begriff eingehen und Belegstellen anführen, sind selten. Vorläufig können nur die folgenden beiden Werke angeführt werden.

Nouii-, nouelunium eyn nu. eyn nue mant, nu mont, nuer mon. newmon. neuer mon. nye, der nuwe mane. hd. nuwe, nuw, nu, new, nye liecht, licht. nd. en nige lecht. [Lorenz Diefenbach: Glossarium Latino-Germanicum Mediae et Infimae Aetatis, Darmstadt 1997, Seite 383]

novilunium, -i n. 1) au propre (en parlant de l' apparition de l'astre dans le ciel): Gerv. Dorob. chron. p. 277: cornua.... ad orientem versa sunt ut in -o. (poet.) par analogie: Alan. Ins. planct. nat p. 440: illic luna, proprio lumine pauperata, quasi invidens, in chonchilia propriam vindicabat iniuriam, quae quasi sui corporis -o laborantia lune luebant pauperiem.
2) en parlant du moment de la nouvelle lune dans le cycle lunaire (Ugutio s.v. luceo: -um, tempus quo luna est nova, cum incipit illuminari a sole): Wandalb. mart. 41: -a paschaque sanctum / ieiunique dies statuit temporis anni / certis inflexa servari lege per evum. Bernold. chron. p. 393,40: primum decennovalis cycli annum a paschali -o. Arnulf, Aurel. glos. Lucan. 1,218: tercio die a -o qui (dies add.MV) si est pluviosus tota lunatio est pluviosa. [Franz Blatt (Hrsg.): Novum Glossarium Mediae Latinitatis..., Hafniae MCMLIX - MCMLXIX, Spalte 1449/50]

Der Begriff Neulicht ist seit urdenklichen Zeiten in der deutschen Sprache verwurzelt. Seit langem ist er in astronomischen Veröffentlichungen zu finden (Schmidt 1868), im allgemeinen Sprachgebrauch ist er allerdings recht wenig bekannt, wird auch als "neumodisch" bezeichnet. Dennoch fand er auf diesen Seiten Verwendung, da kein besseres Wort zur Verfügung stand.


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Der Tag beginnt um Mitternacht, ausgenommen bei Luna XIV

Bei der Frage, welcher Tag der Vollmondtag sei, spielt natürlich auch eine Rolle, wann der Tag beginnt. Nach dem römischen Recht beginnt der Tag um Mitternacht, auch die Kirche schloss sich dieser Auffassung weitgehend an. Bei einem Mondkalender hingegen ist der Tagesbeginn bei Sonnenuntergang logisch und weit verbreitet. Diesem bei den Christen "kanonisch" benannten Tagesbeginn folgte offensichtlich auch Beda[ 24 ]. In einem vom 14. September 1580 datierten Bericht der Reformkommission[ 25 ] werden einige "Hypothesen" angeführt. Hier heisst es nun unter anderem, der Beginn des 24-Stunden Tages liege um Mitternacht, der Tag werde eingeteilt in vier "quatrantes" zu je sechs Stunden. Fällt nun der Vollmond in einen der ersten drei Quadranten (also in die Zeit von Mitternacht bis 18 Uhr) so ist dies als in eben diesem Tag eingetreten zu betrachten, fällt Vollmond dagegen in den letzten Quadranten (also in die Zeit von 18 Uhr bis Mitternacht, so ist dies dem folgenden Tag zuzurechnen. Beim Novilunium ist diese Berechnung nicht anzuwenden. Der Grund hierfür ist klar. Zwischen Neumond und Vollmond liegen im Schnitt 14 Tage und etwas mehr als 18 Stunden. Durch diese etwas seltsame Regelung hätte man sichergestellt, das der Tag des Vollmondes immer genau am 15. Tag nach dem Tag des Neumondes gelegen wäre. Diese "Hypothese" ist sicherlich niemals rechtskräftig geworden, diese Überlegungen zeigen jedoch, mit welch seltsamen Mitteln man versuchte, Kalender und Astronomie in Einklang zu bringen.


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Die Epakte bezeichnet die Differenz zwischen Sonnenjahr und Mondjahr in vollen Tagen

Epacta nihil aliud est quam numerus dierum quibus annus solaris communis dierum 365 annum communem lunarem dierum 354 superat; ita ut epacta primi anni sit 11 cum hoc numero annus solaris communis lunarem annum communem excedat, atque adeo sequenti anno novilunia contingant 11 diebus prius, quam anno primo.

So klar und einfach wird zu Beginn von Canon II die Epakte definiert: Die Epakte ist nichts anderes als die Zahl der Tage, um die das gemeine Sonnenjahr von 365 Tagen das gemeine Mondjahr von 354 Tagen übersteigt. Die alexandrinischen Wissenschaftler, die die Epakte in die Osterberechnung einführten, nutzen sie, um das Verhältnis des Mondkalenders, der den Ostertermin regelt, zu den vielen Sonnenkalender, die damals in Gebrauch waren, bestimmen zu können. Die Neuordnung des Kalenders von 1582 änderte daran grundsätzlich nichts.

Nun wurde allerdings der Einwand erhoben, die genannte Definition gelte nur für die neuen "lilianischen" Epakten, nicht aber für die alten "alexandrinischen". Dem muss ganz entschieden widersprochen werden. Zwar muss zugegeben werden, dass die Stellung dieses Satzes im Canon II und im Traktat "De Anno et eius Partibus" auf den ersten Blick etwas verwirrend ist, folgt doch kurz darauf die " Tabella Epactarum respondentium Aureis Numeris ante Kalendarii correctionem", also die Tabelle der Epakten, die galt für die Jahre 1400 bis 1582, bevor zehn Tage zur Korrektur des Kalenders abgezogen wurden. Und hier steht nun wirklich bei der Goldenen Zahl 1 die Epakte XI. Dies aber ist reiner Zufall, und niemand wusste dies besser als die Männer der Reformkommission, von denen die obige Definition in den Canon aufgenommmen wurde und aus deren Reihen auch der oder die Verfasser des Abschnittes De anno et eius partibus stammten, hatten sie doch lange darüber diskutiert, wie der Kalender bei der Neuordnung 1582 eingerichtet werden solle. Nach dem ursprünglichen Vorschlag des Aloisius Lilius sollte der Mondkalender um vier Tage gegen den Sonnenkalender verschoben werden. Noch im Herbst 1580 verfolgte offensichtlich die Mehrheit die Mitglieder der Kommission diesen Plan, wie aus dem Zwischenbericht an Papst Gregor erkennbar ist[ 26 ]. In diesem Fall wäre zur Goldenen Zahl 1 in den Jahren 1500 bis 1582, bevor zehn Tage zur Korrektur des Kalenders abgezogen wurden, die Epakte XII zu stellen gewesen. Die "lilianische" Epakte ändert sich zudem mit den Jahrhunderten. Aus alldem ist klar, der oben zitierte Satz, die Epakte des ersten Jahres sei XI, da das Sonnenjahr 11 Tage länger sei als das Mondjahr, nicht zur lilianische Epakte passt.

Die obige Definition der Epakte ist wohl viel älter, denn die Begründung im zweiten Teil kann sich nur auf die alte "alexandrinische" Epakte beziehen. Nimmt man diesen Satz wörtlich, so kann damit zum einen das Jahr 1 der Zählung nach Christi Geburt gemeint sein. In diesem Jahr war nach den neuen Epakten des Lilius Epakte XIX, nach der Rechnung der Alexandriner hingegen Epakte XI. Zum anderen kann man diese Begründung auch auf die Weltära der Alexandriner beziehen. Diese Ära beginnt mit dem Jahr 5493 vor Christus. Dieses Jahr 1, das Jahr der Schöpfung der Welt, hat die Goldene Zahl 1. Das "Alter" des Mondes in Tagen am 1. Januar nennen die Griechen "demelios" oder auch "epaktai tou seleniakou kyklou". In diesem Jahre 1 war nun der "demelios" 11, das heisst, der Unterschied des Mondjahres zum Sonnenjahr betrug 11 Tage[ 27 ]. In der Frühzeit der Osterberechnung gab es im Westen wie im Osten eine Vielzahl von Zyklen mit sehr unterschiedlichen Zuordnungen der Epakten zu den einzelnen Jahren, nicht selten auch beginnend mit einem Jahr der Schöpfung. Wie also genau die oben angeführte Erläuterung, die Epakte des ersten Jahres sei elf zu deuten ist, kann nicht gesagt werden. Sie zeigt aber, dass sich die angeführte Definition der Epakte sowohl auf die "alten" alexandrinischen wie auch auf die "neuen" lilianischen sich beziehen muss.

Bei Dionysius Exiguus werden die Epakten explicit bezeichnet als "dies adiectiones lunae". Beda geht genauer auf die Epakten ein und erläutert diesen Begriff an Beispielen[ 28 ]. Auch er bezeichnet die Epakten als "adjectiones" und führt beispielhaft aus, dass wenn heute Luna V sei, im folgenden Jahr am gleichen Tage (da 11 Tage hinzugefügt werden müssen) Luna XVI sein müsse, nach zwei Jahren dann Luna XXVII und nach drei Jahren an diesem Tage Luna VIII. Von besonderer Bedeutung ist nun der 22. März, der früheste Termin für das Osterdatum, für den die besagte Regel natürlich auch gilt. Nach den Tabellen des Dionysius fällt nun im ersten Zyklusjahr bei "epakta nulla" auf den 22. März Luna 30. Im folgenden Jahr hat dann der 22. März Luna XI, die Epakte ist ebenfalls XI. Epakte und Luna entsprechen sich also, und dies ist gewiss kein Zufall. Allerdings darf man diesen Zusammmenhang nicht - wie oft geschehen - dazu hernehmen, um die Epakte zu definieren aus der Luna. Dies zeigen zum Beispiel ältere Ostertabellen wie der Cursus Paschalis des Victorius, der zuerst den 19jährigen Zyklus im Abendland bekanntmachte. Auch Victorius kennt Epakte und Luna, aber die Luna des 22. März ist bei ihm nicht gleich der Epakte, vielmehr zeigen seine Epakten die Luna des 1. Januars an.[ 29 ]. Die Epakten sind also die Tage, die man an das Ende des Mondjahres anfügen muss, um an den Beginn des Sonnenjahres zu gelangen, wobei dieser Beginn der 22. März, der 1. Januar oder auch ein anderer Jahresanfang sein kann. In der Geschichte der Chronologie wurden hier verschiedene Wege gegangen.

Lilius brauchte die Epakte nicht neu zu definieren. Geniale Ideen zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie sehr einfach sind. Bekannt war zu seiner Zeit, dass der bisher angewandte neunzehnjährige Zyklus ungenau war, da nach 19 Jahren nicht genau wieder genau die gleiche Mondphase auf das gleiche Datum im Sonnenkalender fällt sondern ein Unterschied von fast zwei Stunden eintritt, der in etwas mehr als 300 Jahren zu einem Tag anwächst. Die Differenz zwischen Sonnenjahr und Mondjahr änderte sich demzufolge alle 300 Jahre um einen Tag gegenüber der alten Berechnung. Lilius musste daher nur die feste Verbindung zwischen der Goldener Zahl und der Epakte lösen und alle 300 Jahre den Goldenen Zahlen eine um 1 reduzierte Epakte zuweisen.

Zusammenfassung: "Epaktai hemerai", "dieses adiectiones" sind die Tage, die dem Ende des Mondjahres angefügt werden müssen, um zu dem Beginn des Sonnenjahres zu gelangen. Die Epakte zeigt also das Verhältnis des Sonnenjahres zum Mondjahr an und nichts anderes. Im Kalendarium deutet sie auf den Beginn eines Mondmonats hin, nicht irgendeiner Mondphase, und in den Ostertabellen zeigt die Epakte den 14. Tag des Ostermonats an, den 14. Tag des altehrwürdigen Monats Nisan der Juden und anderer orientalischer Völker, der als der Jahrestag des Todes Jesu Christi im Mondkalender betrachtet wird.

Mit Hilfe der Epakte kann auch für jeden Tag des Jahres die entsprechende Luna bestimmt werden, die auch heute noch bei der Rezitation des Martyrologiums vorgetragen oder gesungen wird. Logischerweise muss es immer 12 Tage im Jahr geben, deren Luna gleich der Epakte des Jahres ist. Auf welchen Tag im Sonnenjahr sich die Epakte beziehen soll, wurde im Laufe der Zeit immer wieder unterschiedlich definiert. Häufig ist es der Jahresbeginn, also der 1. Januar im julianisch-gregorianischen Kalender oder der 22. März als der frühestmögliche Ostertermin.

Da die Epakte die Luna eines bestimmten Tages anzeigt, wird sie auch häufig als "Mondstandszeiger" oder ähnliches bezeichnet. In einem lunaren Kalender zeigt natürlich das Datum auch die ungefähre Phase des Mondes an, so zum Beispiel im islamischen Kalender, im jüdischen Kalender und letztendlich auch im lunisolaren christlichen Kalender. Diese Bezeichnung sollte jedoch vermieden werden, sie ist zumindest missverständlich, denkt man hier doch leicht an Mondphasentabellen und astronomische Berechnungen.


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Fussnoten

zur Bibliografie

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[ 1 ] Die entsprechenden Kapitel aus der Schrift "Über das Osterfest" des Eusebius finden sich in deutscher Übersetzung ausführlich erläutert bei Strobel (1977), S. 24 - 27
Zahlreiche Internetseiten beschäftigen mit dem Konzil von Nikäa und den folgenden Konzilien. Die Seite http://www.debate.org.uk./topics/theo/council_nicaea.html bringt Verweise auf eine CD ROM, auf der die wichtigsten Quellen dokumentiert sind. Im Internet zu finden sind diese Quellen unter http://www.ccel.org./fathers/.
[ 2 ] Eusebius, (Historia ecclesiae, VII, 32, 18)
[ 3 ] De Tempore Ratione, Caput L
[ 4 ] siehe Ginzel (1919), Band III, S. 135
[ 5 ] Ausführlich wird auf all diese Fragen eingegangen bei (Strobel 1977).
[ 6 ] (Historia ecclesiae, VII, 32, 14 - 21)
[ 7 ] teilweise zitiert nach der von H. Kraft herausgegebenen deutschen Übersetzung, München 1967
[ 8 ] vgl. Strobel (1977), S. 135.
[ 9 ] siehe Ginzel (1914, Band III, S. 233)
[ 10 ] Prologus Victorii Aquitani ad Hilarum archidiakonus, im Original abgeruckt bei Krusch (1938)
[ 11 ] Ginzel (1914, Band III, S. 135)
[ 12 ] Ginzel (1914, Band III, S. 247)
[ 13 ] Die entsprechenden Werke des Dionysius sind im Internet zu finden unter der Adresse: http://henk-reints.nl/cal/audette/denys.html
[ 14 ] Das Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie von F. K. Ginzel ist nach wie vor das grundlegende Standartwerk zur Chronologie in deutscher Sprache und noch lange nicht überholt. Dass in einem solchen Riesenwerk auch einmal sprachliche Ungenauigkeiten unterlaufen, ist selbstverständlich. Daher sollte dieser Hinweis auf Ginzel nicht als kleinliche Kritik verstanden werden. Auch an einer ganz anderen Stelle, bei der Darstellung des jüdischen Kalenders (Band II, Seite 92) unterläuft Ginzel eine sprachliche Ungenauigkeit. Es erfreut immer wieder, falsche Darstellungen des jüdischen Kalenders zu lesen, geschrieben von Personen, die Ginzel falsch abgeschrieben haben und ihre Quelle nicht angeben.
[ 15 ] siehe Kaltenbrunner (1876), S. 292)
[ 16 ] so Kaltenbrunner (1876), S. 290)
[ 17 ] zitiert nach Kaltenbrunner (1876), S. 303
[ 18 ] Ginzel (1914), Band III, S. 254, und Kaltenbrunner (1876), S. 367 - 371)
[ 19 ] Ausführlich geht Kaltenbacher auf seine Vorschläge ein (a.a.O. S. 375 - 385)
[ 20 ] Kaltenbrunner, a.a.O., S. 390 -39)
[ 21 ] Im Internet zu finden unter der Adresse: http://henk-reints.nl/cal/audette/denys.html
[ 22 ] Calvius (1603), p. 63
[ 23 ] im Internet zu finden unter der Adresse: http://henk-reints.nl/cal/audette/canon2.html
[ 24 ] Lange (1928), S. 18]
[ 25 ] Cod. Vatic. 3685, abgedruckt im lateinischen Original im Anhang zu Kaltenbrunner 1880
[ 26 ] siehe Anmerkung 24
[ 27 ] siehe u.a. Ginzel (1914), Band III, S. 302
[ 28 ] De Tempore Ratione, Caput L
[ 29] siehe Krusch (1938)

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